Hilfeplanung

§ 36 SGB VIII Mitwirkung, Hilfeplan

(1) Der Personensorgeberechtigte und das Kind oder der Jugendliche sind vor der Entscheidung über die Inanspruchnahme einer Hilfe und vor einer notwendigen Änderung von Art und Umfang der Hilfe zu beraten und auf die möglichen Folgen für die Entwicklung des Kindes oder des Jugendlichen hinzuweisen. Vor und während einer langfristig zu leistenden Hilfe außerhalb der eigenen Familie ist zu prüfen, ob die Annahme als Kind in Betracht kommt. Ist Hilfe außerhalb der eigenen Familie erforderlich, so sind die in Satz genannten Personen bei der Auswahl der Einrichtung oder der Pflegestelle zu beteiligen. Der Wahl und den Wünschen ist zu entsprechen, sofern sie nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden sind. Wünschen die in Satz 1 genannten Personen die Erbringung einer in § 78a genannten Leistung in einer Einrichtung, mit deren Träger keine Vereinbarungen nach § 78b bestehen, so soll der Wahl nur entsprochen werden, wenn die Erbringung der Leistung in dieser Einrichtung nach Maßgabe des Hilfeplans nach Absatz 2 geboten ist.

(2) Die Entscheidung über die im Einzelfall angezeigte Hilfeart soll, wenn Hilfe voraussichtlich für längere Zeit zu leisten ist, im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte getroffen werden. Als Grundlage für die Ausgestaltung der Hilfe sollen sie zusammen mit dem Personensorgeberechtigten und dem Kind oder dem Jugendlichen einen Hilfeplan aufstellen, der Feststellungen über den Bedarf, die zu gewährende Art der Hilfe sowie die notwendigen Leistungen enthält; sie sollen regelmäßig prüfen, ob die gewählte Hilfeart weiterhin geeignet und notwendig ist. Werden bei der Durchführung der Hilfe andere Personen, Dienste oder Einrichtungen tätig, so sind sie oder deren Mitarbeiter an der Aufstellung des Hilfeplans und seiner Überprüfung zu beteiligen. Erscheinen Maßnahmen der beruflichen Eingliederung erforderlich, so sollen auch die für die Eingliederung zuständigen Stellen beteiligt werden.

(3) Erscheinen Hilfen nach § 35a erforderlich, so soll bei der Aufstellung und Änderung des Hilfeplans sowie bei der Durchführung der Hilfe die Person, die eine Stellungnahme nach § 35a Absatz 1a abgegeben hat, beteiligt werden.

(4) Vor einer Entscheidung über die Gewährung einer Hilfe, die ganz oder teilweise im Ausland erbracht wird, soll zur Feststellung einer seelischen Störung mit Krankheitswert die Stellungnahme einer in § 35a Absatz 1a Satz 1 genannten Person eingeholt werden.

Eine zentrale Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe ist der Auf- und Ausbau bedarfsgerechter und effektiver Hilfeangebote für junge Menschen und ihre Familien. Um der Planungs- und Steuerungsverantwortung des öffentlichen Jugendhilfeträgers (vgl. § 79 SGB VIII) nachzukommen, benennt das Kinder- und Jugendhilfegesetz eine ganze Reihe von Möglichkeiten und bietet 25 Jahre nach seiner Einführung erprobte Instrumente der Planung und Steuerung, um auf die spezifischen Bedarfe von jungen Menschen zielführend reagieren zu können.

Mit dem Hilfeplanverfahren nach § 36 SGB VIII steht der Kinder- und Jugendhilfe ein solches Instrument zur einzelfallbezogenen Steuerung von Hilfen zur Verfügung. Ziel der in der Regel halbjährlich stattfindenden Hilfeplangespräche ist es, unter Beteiligung der jungen Menschen ihre individuellen Hilfebedarfe herauszuarbeiten, um diesen mit den vielfältigen Unterstützungsoptionen der Hilfen zur Erziehung angemessen begegnen zu können. Unter Berücksichtigung der spezifischen Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sowie den daran anschließenden Anforderungen an die Übergangsgestaltung und Integration gilt es, im Hilfeplanungsprozess folgende Aspekte (gemäß den Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter 2014) besonders zu fokussieren und entsprechend der jeweiligen Situation des jungen Menschen zu planen:

  • Sicherung des Aufenthalts
  • Erwerb deutscher Sprachkenntnisse
  • Erwerb eines qualifizierten Schulabschlusses trotz möglicher geringer Vorbildung
  • Gelingender Übergang von der Schule in die Ausbildung
  • Berufliche Qualifizierung
  • Integration in die deutsche Gesellschaft
  • Ggf. Unterstützung bei freiwilliger Rückkehr oder Resettlement
  • Umgang mit traumatischen Erfahrungen
  • Übersicht über Beratungsangebote
  • Förderung der Kontakte zur Herkunftsfamilie
  • Pflege der religiösen und kulturellen Identität
  • Hilfe bei der Persönlichkeitsentwicklung und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung

 

Folgende Gelingensfaktoren für die Hilfeplanung können benannt werden:

  • Problemakzeptanz, Problemkongruenz, Hilfeakzeptanz
  • Systemische Herangehensweise als fachliche Grundhaltung (Eigenlogik, Perspektivendifferenzierung, Aus- und Nebenwirkungen von Verhalten)
  • Zielorientierung und überprüfbare Zielformulierung
  • kontinuierliche Beteiligung der AdressatInnen in allen Prozessschritten
  • Einbezug des Familiensystems und des sozialen Netzwerkes
  • Strukturell gesicherte Orte der fallbezogenen und fallübergreifenden Kooperation zwischen öffentlichen und freien Trägern
  • Angemessene personelle und finanzielle Ausstattung



Neben diesen Aspekten, die es im gesamten Hilfeverlauf zu beachten gilt, stellt sich bei jedem Hilfeplangespräch auch die Frage, ob die gewählte Hilfeart weiterhin geeignet und notwendig ist. Ein Einschnitt ist auch hier der 18. Geburtstag. Die Folgen, die eine mögliche Beendigung der Hilfe aufgrund der eintretenden Volljährigkeit haben kann, sollten daher frühzeitig im Hilfeplanverfahren Berücksichtigung finden.