Übergangsgestaltung

Eines der Ziele kinder- und jugendhilferechtlicher Maßnahmen ist die Verselbstständigung der jungen Menschen. Dies schließt die Frage mit ein, wie der Übergang der jungen Menschen aus der Kinder- und Jugendhilfe gelingend gestaltet werden kann.

Was als Entwicklungsaufgabe für alle jungen Menschen gilt, die ihr Leben nach dem Bezug von Kinder- und Jugendhilfeleistungen selbstständig ausgestalten sollen, gilt hinsichtlich der zu bewältigenden Anforderungen und der Unterstützungsbedarfe in besonderem Maße auch für die Zielgruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Die Herausforderungen in der Übergangsgestaltung verdichten sich bei diesen jungen Menschen aus verschiedenen Gründen.

  • Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind im Vergleich zu anderen Kindern und Jugendlichen durchschnittlich älter, wenn sie erstmalig Hilfen gemäß SGB VIII erhalten. Dies bedeutet, dass oftmals nur eine relativ kurze Zeitspanne bis zur Volljährigkeit bleibt, die mit der Frage einhergeht, ob die Jugendhilfemaßnahme weitergeführt wird. Ist dies nicht der Fall, ist eine Vorbereitung von ein bis zwei Jahren oftmals wenig, um sich danach eigenständig in Deutschland zurechtzufinden, in einer eigenen Wohnung zu leben, einen Schulabschluss zu schaffen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen und die Kommunikation mit Behörden zu bewerkstelligen (vgl. Noske 2015, S. 23).

  • Die Volljährigkeit kann für unbegleitete Flüchtlinge einen entscheidenden Übergangsmarker darstellen, wenn sie vor Vollendung des 18. Lebensjahres nicht über eine Aufenthaltserlaubnis verfügen, sondern nur im Besitz einer Duldung sind, die qua Gesetz eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ regelt (§ 60a AufenthG). Dann nämlich fällt zumindest der aufgrund ihrer Minderjährigkeit bestehende Abschiebeschutz weg und ihr Aufenthaltsrecht muss neu geregelt werden. Um eine bestmögliche Bleibeperspektive für diese jungen Menschen zu erreichen, muss daher vor  ihrem 18. Geburtstag geklärt werden, welche Maßnahmen sich im Einzelfall aufenthaltsverlängernd auswirken können. Ein kontinuierlicher Schulbesuch, der Ausbildungsstatus bzw.  die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses sowie die sprachliche und soziale Integration sind diesbezüglich wichtige Aspekte. Bleibeperspektiven von jungen Flüchtlingen können somit maßgeblich davon abhängen, wie die institutionellen und strukturellen Übergänge für den jungen Menschen ausgestaltet werden.

  • Für junge Flüchtlinge bedeutet das Ende der Kinder- und Jugendhilfe, dass „nicht mehr das Jugendamt, sondern ein anderer Leistungsträger – meist das Sozialamt – zuständig wird. Einen Vormund haben die jungen Erwachsenen zu diesem Zeitpunkt im Normalfall nicht mehr, da die Vormundschaft in der Regel mit dem 18. Geburtstag endet. Die jungen Volljährigen bekommen neue Ansprechpartner/-innen, für die es plötzlich keine Rolle mehr spielt, dass sie als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen sind und bis vor kurzem noch als ‚besonders schutzbedürftig‘ galten“ (Noske 2015, S. 23).


Bilanzierend gilt es festzuhalten, dass die Kinder- und Jugendhilfe bei der Vorbereitung und Ausgestaltung des Übergangs unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in ein selbstständiges Leben einen wichtigen Beitrag leistet. Ihre Aufgabe ist es, schon frühzeitig Weichen für eine gelingende Integration und – für die Betroffenen selbst meist noch entscheidender – die Bleibeperspektive der jungen Flüchtlinge zu stellen. Die Frage der Übergangsgestaltung ist für die Mehrzahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge somit eine Fragestellung, die es stringent zu bearbeiten gilt.