Verfahrensabläufe

Handlungsbedarf
Nach dem Anstieg der Flüchtlingszahlen Ende 2015 sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) eine feststehende Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe geworden. Während die ersten Monate davon geprägt waren in kürzester Zeit für eine hohe Personenzahl adäquate Unterbringungs- und Versorgungsmöglichkeiten zu schaffen, treten nun verstärkt fachliche und inhaltliche Herausforderungen in den Mittelpunkt, die professionelle und standardisierte Verfahren erfordern.

In der Praxis haben sich mittlerweile viele Verfahren eingespielt und etabliert. Diese Verfahren genügen allerdings (noch) nicht überall den fachlichen Standards der Kinder- und Jugendhilfe bzw. sind diese Standards teilweise noch nicht definiert worden. Bei vielen Fachkräften herrscht oft noch große Unsicherheit darüber, wie einzelne Verfahrensschritte in der Praxis konkret ausgestaltet werden können und sollen. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass die Anforderungen und Bedarfe der Zielgruppe vorher nahezu unbekannt waren und sich daher die Fachdienste neu aufstellen mussten: In sehr kurzer Zeit wurde möglichst viel Personal benötigt – viele Berufseinsteiger und zum Teil Quereinsteiger wurden eingestellt und es kam zu Änderungen von Zuständigkeiten, die partiell mit einem großen Wissensverlust einhergingen. Neustrukturierungen von Teams und Neugründungen von Spezialdiensten waren die Folge, welche schnell auf die hohen Zahlen der jungen Flüchtlinge reagieren und agieren mussten. Unterschiedliche Umsetzungspraxen entstanden, die teilweise lückenhaft sind, teilweise sehr gut laufen und einer Anpassung aneinander bedürfen. Denn derzeit führen ungeklärte Verfahrensweisen in der Konsequenz vereinzelt zu Problemen an der Schnittstelle zwischen den beteiligten Akteuren und wirken sich negativ auf die jungen Flüchtlinge aus.

Diese unterschiedlichen Verfahrensweisen in der Praxis weisen auf den Bedarf einer Orientierungshilfe hin, um qualitatives Arbeiten zu sichern, die Handlungssicherheit jeder/s Mitarbeitenden zu vergrößern und fachliche Standards aufrechtzuerhalten, die im Umkehrschluss den umF zugutekommen. 

Verfahrensabläufe
Ende des Jahres 2017 machte es sich die Servicestelle unbegleitete minderjährige Flüchtlinge des ISM gGmbH zum Auftrag solche Verfahrensabläufe kleinschrittig zu erarbeiten und Kern- sowie Teilprozesse zu identifizieren. Diese Beschreibungen beinhalten eine möglichst detaillierte Darstellung der Verfahren (gegliedert in Ziele, Aktivitäten, Zuständigkeiten, Schnittstellen, verwendete Dokumente/Formulare und weiterführende Informationen) und die Verständigung auf fachliche Standards, welche bei der Umsetzung der Verfahren Berücksichtigung finden müssen. Um nicht nur die fachlich-wissenschaftliche Perspektive, sondern auch das Expertenwissen aus der Praxis mit einzubeziehen, fanden Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz, des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie Saarland und drei Jugendämtern aus Rheinland-Pfalz sowie einem Jugendamt aus dem Saarland statt. Die Zeit in den Workshops wurde zum gemeinsamen Austausch und methodischen Arbeiten an den jeweiligen Prozessen genutzt, welche umF in der jugendhilferechtlichen Zuständigkeit in Deutschland betreffen.

Die Ergebnisse der Prozesse wurden zum einen in Schaubildern, zum anderen in detaillierten Tabellen festgehalten, welche den Jugendämtern in Rheinland-Pfalz und dem Saarland zukünftig als Anleitung dienen sollen.

Die Jugendämter agieren in kommunaler Selbstverwaltung und müssen Verfahrenswege auf ihre Strukturen und Rahmenbedingungen vor Ort abstimmen und entwickeln. Die Verfahrensabläufe können daher keine allgemeingültigen Verfahren vorgeben, sondern dient als Orientierungshilfe für Kommunen, um die Prozesse vor Ort zu reflektieren und soll Anregungen und Hilfestellungen für eine nachhaltige Qualitätssicherung im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen geben. 

Hinweise
Es zeigte sich an vielen Stellen, dass die Verfahren nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern auch von Kommune zu Kommune unterschiedlich gehandhabt werden und zum Teil aufgrund der ländereigenen Regelungen auch unterschiedlich gehandhabt werden müssen. Die wichtigsten Unterschiede betreffen im Saarland und in Rheinland-Pfalz die Regelungen der Inobhutnahme, die im nachfolgenden dargestellt sind. Dennoch können die nachfolgenden Verfahrensabläufe für beide Bundesländer von Nutzen sein, da die Aktivitäten und Standards unabhängig von den jeweiligen Zuständigkeiten bestehen.

Saarland
Seit dem 01.02.2016 ist die vorläufige Inobhutnahme der umF ein gesetzlicher Auftrag des Landes. Die zuständige Behörde, das Landesamtes für Soziales, regelt dieses Vorclearing zentral in der Einrichtung Schaumberger Hof in Tholey. Die jungen Geflüchteten werden nach dem Aufgriff in Deutschland zum Vorclearing ausschließlich dort schnellstmöglich versorgt und erst im Anschluss an die Jugendämter des Landes und Bundes verteilt.

Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz sind die Jugendämter für die (vorläufige) Inobhutnahme zuständig. Es gibt jedoch die Möglichkeit, diese Aufgaben gem. § 3 UAuslKJVertV RP an besonders ausgewiesene Schwerpunktjugendämter zu übergeben, welche die Clearingphase für Jugendliche, die in Rheinland-Pfalz aufgegriffen werden, übernehmen.

Die Verfahrensabläufe als ein Instrument der Qualitätsentwicklung behandeln vier Kernprozesse, welche junge Flüchtlinge von ihrer Ankunft in Deutschland bis zum Verlassen der Jugendhilfe durchlaufen: Die (vorläufige) Inobhutnahme, die Inobhutnahme, die Anschlusshilfen und die Hilfen für junge Volljährige.